Wie könnte es gewesen sein…

Kann man zuviel lesen? Eigentlich nicht. Und trotzdem denke ich manchmal, ich habe einfach schon ‚zu viele‘ Bücher ähnlicher Art gelesen. Anders kann ich manchmal die große Diskrepanz nicht erklären, die sich bei Buchmeinungen so ergeben.

Die Geschichte ist gut recherchiert, liebevoll geschrieben, ohne sachliche Fehler, die Sprache entspricht in allen Einzelheiten der damaligen Zeit mit den ganzen feinen Unterscheidungen zwischen Dienerschaft, Herrschaft und Gleichgestellten.

Die Menschen sind ausführlich mit Licht- und Schattenseiten gezeichnet.
Selbst bei Ludwig – dem Gegenspieler in der Geschichte – flackert für kurze Momente der Gedanke auf, dass da noch mehr sein könnte, als in den Worten zu sehen ist. Möglicherweise gibt es noch andere Gründe für sein absolut boshaftes Verhalten. Aber eben nur vielleicht. Und selbst wenn – seine Taten sprechen klar gegen ihn und lassen jeden Leser sofort eine klare Stellung gegen ihn beziehen.

Bruderliebe erzählt die Geschichte der Baroness Theresia von Rotenburg, ihrer Stiefmutter und ihrem heimlichen ‚Prinzen‚, dem Bürgerlichen Sebastian Langenthal.
Theresisa – gerade eben mal 18 Jahre geworden – hat ihr ganzes bisheriges Leben nach dem Tod der eigenen Mutter im Heim ihres Vaters und unter der strengen Aufsicht ihre Stiefmutter geführt und von dem wirklichen Leben vor den Mauern der Burg keinerlei Ahnung.

Bruderliebe

Im Laufe der Handlung wählt sich die wohlbehütete Tochter dann auch eine Wohnstatt in einem Turm, der in das schützende Mauerwerk der väterlichen Burg integriert ist.

Soweit zu den Ähnlichkeiten zu dem Märchen ‚Rapunzel‘, dass hier nacherzählt wird. Weitere mystische Elemente, wie sie sonst zur Märchenerzählung gehören, tauchen nicht auf.

Es ist schade darum, finde ich.
Gerade Märchen bieten so viele Möglichkeiten in jede nur vorstellbare Richtung.

Und auch die Gestalt der Stiefmutter Henriette hat noch viele verborgene Seiten. Der Blick hinter die strenge Fassade macht neugierig. Da wird der Vorhang leicht angehoben und eine Ahnung tut sich auf über den tragischen Verlauf ihrer ersten Ehe. Gerade genug, daß man mehr darüber wissen möchte. Nicht über die Ehe selber, deren Verlauf wird einem recht schnell klar. Aber wie hat sich diese Erfahrung auf Henriette ausgewirkt. Wieweit ist hinter dem herrischen Verhalten noch der mitfühlende Mensch, der machmal hinter der kühlen Maske hervorblitzt.

Ebenso bei Sebastian und den Schatten aus seiner Vergangenheit.
Oder auch Clemens, der im Haus des Barons seine Ausbildung erhält und als einziger Charakter auf eine reale historische Person zurückgeht.

Bruderliebe gibt viel Raum für Vermutungen, was sein könnte.
Eine historiche Erzählung zu Beginn der Industrialisierung, die einige Bezugspunkte zu dem Märchen aufgreift. Mehr jedoch auf die Möglichkeiten, wie es wirklich gewesen sein könnte.

Was ich dabei vermisse, ist der Zauber darin. Was einen an einer Erzählung in andere Welten gehen lässt und zum Träumen bringt.

Ich bin ein verwöhnter Zuhörer, dass gestehe ich ein und suche immer das Eine, für das es keine Worte gibt. Was eine Geschichte hervorhebt unter den vielen Liebesgeschichten.

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