Karawanenwege, Traumwege, weite Wege…

Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich von Helge Timmerberg
Fester Einband, 252 Seiten
Erstausgabe : 14.04.2014
Malik Verlag
ISBN: 9783890297743

Höre o Freund und Bruder

„Es lauerte einmal ein Märchen in einem losen Stapel DIN-A4-Blätter neben dem Gästebett von Endi Effendi. Draußen fielen Schneeflocken, drinnen Schleier. Können Sätze wie Schleier fallen? Warum nicht. Sätze sind Alleskönner. Sie können ver- und entschleiern, sie können auch leiern, eiern, abschweifen und verloren gehen.“ (S.1)

“ Ein Satz, der nicht wie eine Pille wirkt, ist kein guter Satz,und ein Märchen, das dich nicht wie eine Droge an sich reißt, ist keine gute Geschichte.“ (Seite 8)

shadows
Quelle: Flickr, User Zanthia

Wenn ich an das Buch denke, sehe ich mich an einem alten Feuer in einer Karawanserei, ich höre den Flammen zu, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen und gleichzeitig höre ich einen Märchenerzähler, der seine alten Legenden erzählt. Vielleicht ist es die Märchenbaronin, die auch Timmerberg so in seinen Bann geschlagen hat.

Es ist ein Märchen… Wie auch nicht… Eine Frau wagt sich an die alten Karawansereien und lässt sich die alten Märchen erzählen – als Mann verkleidet.

Timmerberg will die Geschichte der Märchenbaronin in einem Film weitererzählen und auch in seinem Leben wirkt das Märchen. Allerdings nur so und nur dann, wenn es selber das will. Dann erreicht er die Phantasie der Menschen und die Geldbeutel werden geöffnet, damit die Vision umgesetzt werden kann.

Zuerst wollte ich Wahrheit schreiben, aber wo beginnt nun eine Wahrheit? In den Gedanken der Männer, die sich treffen und über das Leben der Märchenbaronin von Kamphoevener sinnieren. Auf deren Spuren reist Timmerberg als Icherzähler des Buches selber in den Orient. Nach Marokko, Marrakesch, nach Ägypten? – eigentlich ist es egal, wie die Länder heißen. Was er erzählt, zieht mich beim Lesen vollkommen in den Bann des Buches. Ich werde zwar mit der rücksichtslos offenen Sprache oft genug brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Aber im Nachhinein betrachtet stört das nicht.

Daß man das Buch jemals in ein Schema stellen kann, bezweifle ich stark. Die Gegensätze sind massivst. Und faszinierend. Auf der einen Seite wird man durch die orientalische Welt verführt und dann knall auf Fall auf den Boden der Tatsachen geschleudert. Der Wechsel zwischen blumigster Sprache und den wirklich heftigst brutalen Gegensätzen in der Ausdrucksweise… ich komme mir öfter vor, als würde jemand ruckartig einen Eimer kaltes Wasser über mir ausschütten.

Weglegen möchte ich das Buch trotzdem nicht. Timmerberg versteht sein Handwerk. Er macht der Märchenbaronin Ehre, seine Erzählung zieht einen in den Bann und zeichnet ihre Bilder quer durch die Jahrhunderte. Das alte schillernde Persien, die märchenerzählende Baronin in den Lazaretten des 2. Weltkrieges bis hin zu dem modernen Orient, in dem sich immer noch tanzende Derwische neben vielen anderen Bildern finden. Darüber könnte man auch verschmerzen, dass aus dem Film nichts geworden ist. Zumindest nicht in der ‚auf Zelluloid gebannten Form‘.

In den Gedanken hat der Erzähler nicht nur einen Film erzählt, vielmehr sind es mindestens drei geworden. Ein gut gewirkter Teppich, bei dem keine Grenzen zu erkennen wären.

„Ein Gläschen Tee, ein Gläschen Rauch, ein Gläschen voller Märchen. Die flüsternden Teegläser, von denen Elsa an einem Platz wie diesem vernahm, waren das Geschenk eines alten Derwisches an den gutherzigen Betreiber eines winzigen Teehauses im Basar…..

Sie flüsterten die Gedanken derer, die aus ihnen tranken, wenn man sie wie eine Hörmuschel ans Ohr hielt. Aber nur bis zum Abwasch. Danach waren sie wieder gedankenleer und neugierig auf den nächsten Gast.“ (S. 183)

Seht über die brutal ausgedrückten Stellen weg, lest es und träumt vom Orient. Am Besten mit Freunden und Mokka. Es lohnt sich.

Am Ende doch in einem Rutsch durchgelesen und zu der Erkenntnis gekommen, ich mag die Erzählung.

Marsa Alam 2008
Quelle: Flickr, User Martin Wippel

„Märchen lieben das Feuer. Wenn keines in der Nähe ist, lieben sie auch das Wasser.“ (S. 182)

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