Mord und das Unheil daraus

Der Kaufmann von Lippstadt von Rita Maria Fust
Flexibler Einband, 339 Seiten
Erstausgabe : 05.03.2014
Gmeiner Verlag
ISBN: 9783839214930

Ferdinand Overkamp ist ein angesehener Kaufmann und Ratsherr in Lippstadt kurz nach Ende des siebenjährigen Krieges (1756–1763). Nachdem der Krieg nun beendet wurde, die Überreste wie Pulvermagazine und Festungen nach und nach aus dem Stadtbild verschwinden sollen, hat er auch allen Grund sich ein geruhsames sowie erfolgreiches Leben zu erhoffen. Vielleicht gelingt es ihm sogar, in absehbarer Zeit den teuren Bau eines Steinhauses in Angriff zu nehmen.

Kurz gesagt – das Leben der Familie Overkamp scheint in Ordnung. Zumindest solange, bis ihm seine Gemahlin gesteht, dass die älteste Tochter guter Hoffnung (schwanger) ist, sich aber weigert, den Kindsvater zu nennen.

Die Gedanken des Hausherren fangen an, sich mühlenartig im Kreis zu drehen. WER ist der Vater und warum um alles in der Welt hat sich gerade SEINE wohlerzogene Tochter so vom rechten Weg abführen lassen? Und vor allem anderen – WARUM weigert sich Elisabeth. den Vater zu nennen. Es bräuchte doch nur eine kurzfristige Hochzeit und alles wäre in bester Ordnung. Vorausgesetzt natürlich, es würde sich um einen standesgemäßen jungen Mann handeln. Und danach sieht es ja nicht aus – sonst könnte das junge Mädchen ja den Namen verraten.
Und müste nicht nach Lübeck zur Tante geschickt werden um Schande für die ehrsame Familie zu vermeiden.

Soweit die Gegebenheiten im historischen Lippstadt.

In gleicher geologischer Lage – dafür etwa 250 Jahre später – findet Oliver in dem Sekretär seiner eben verstorbenen Oma alte Unterlagen in altdeutscher Schrift, die er sich erst übersetzen lassen muss. Nach und nach findet er weitere Schriftstücke, die ihn auf die Spuren des Kaufmanns Overkamp und der Geschehnisse im alten Lippstadt kommen lassen.

Die historische sowie aktuelle Geschichte um Lippstadt ist aufmerksam recherchiert worden und mit ausführlichen Fußnoten zu den einzelnen Begebenheiten versehen. Damit und mit den original überlieferten Texten aus der Zeit von 1764 bekommt man ein recht gutes Gefühl für das alltägliche Leben in Lippstadt. Dazu gibt es in der Vergangenheit sowie im Jahr 2010 eine ausführliche Führung durch die Stadt, die sich allerdings etwas zu lang gestaltet und der an manchen Stellen eine Unterbrechung gut getan hätte.

Daneben hat mich die wirklich sehr detailreiche Beschreibung eines Mordes ziemlich abgeschreckt. Plastisch und in allen farbigen Details beschrieben ist es ein kleines Juwel schriftstellerischer Kunst. Allerdings verlangt das Buch gerade dadurch an dieser Stelle nach einem robusten Magen und hätte so doch eher in einen Thriller oder zumindest einen Krimi einen erwarteten Platz gefunden.

Im Fazit ist der Gedanke an eine die Jahrhunderte übergreifende Geschichte sehr verlockend. Man konnte verfolgen, wie die erste unglückliche Handlung des ehrenwerten Ferdinand Overkamp ihn immer tiefer in den Abgrund zog und seine (fragwürdigen) Bemühungen, dem Untergang zu entgehen auch nur vorübergehend den erhofften Erfolg brachten.
Paralell dazu die Nachforschungen von Oliver, die zumindest den Leser recht genau sehen lassen, auf welche Spuren der Vergangenheit er gerade gestoßen ist.

Trotzdem bin ich nicht ganz glücklich mit dem Buch – genauer gesagt dem Ausgang, weil ich am Ende mit einem Gefühl der Enttäuschung zurückgeblieben bin.

Zwei für meinen Geschmack wesentliche Fragen sind unbeantwortet geblieben.
Nur vermuten zu können und nicht zu wissen, warum der Vater des unehelichen Kindes verheimlicht wurde und wie es zu dem ersten unglücklichen Todesfall gekommen ist, ist in meinen Augen ein ziemliches Versäumnis. Beide Punkte sind ausschlaggebend für den Verlauf der Geschehnisse und schon allein deswegen hätte ich es gerne genauer gewußt.

Nachwort wegen einiger Gespräche, die noch im Hintergrund liefen:
Vermutlich kommt bei meiner Rezi der Eindruck hoch, ich halte den Roman für grottenschlecht. Das ist auf keinen Fall so! Nur stand ich am Ende da mit dem Gedanken ‚das soll alles gewesen sein?‘ Das Ende mit der Hausräumung war interessant geschrieben – aber danach hing ich gefühlt im luftleeren Raum. Oliver und Annika saßen in dem neuen/alten Haus und aus?
Sicher kann man das anders sehen als ich – aber in meiner Erwartung fehlt mir da sehr die Verbindung zu den Vorfahren – irgendein Schriftstück, Gemälde o.ä. Das ist ausschließlich persönliches Empfinden, aber diese Verbindung der beiden Zeitstränge hat mir sehr gefehlt.

Der plötzliche Tod und das für micht nicht so ganz nachvollziehbare Verhalten der Tochter habe ich angesprochen. Auch wenn sich Overkamp seine Gedanken macht – nur eben viel zu spät – kam das bei mir eher als Vermutungen und nicht wirklich konkrete Tatsachen an.

Was mir richtig gut gefallen hat, war die merklich ausführliche Recherche mit Originaltexten und die Beschreibung der Originalschauplätze.

Die Mühe der Autorin und Liebe zu Lippstadt ist deutlich zu spüren.
Ich habe gestern noch ein paar Bilder zu Lippstadt angesehen und u.a. den Brunnen und die Schweine gefunden. 😉 Da juckt es schon sehr in den Fingern, diese mal persönlich zu sehen.

Lippstadt_07Quelle: Flickr, User Kurrat

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5 Kommentare zu „Mord und das Unheil daraus

  1. Schade, wenn die vielen positiven Punkte durch einige wenige ‚vernichtet‘ werden. Der Leser möchte doch mit einem guten Gefühl zurück bleiben. Fragen dürfen sicher auch sein oder Punkte, über die man nachdenken kann, aber nicht abgerissene Handlungsstränge. Schade drum.
    LG
    und mehr Spaß mit dem nächsten Buch. Ich lese gerade Falladas ‚Jeder stirbt für sich allein‘

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    1. Das Ende war enttäuschend, stimmt. Trotzdem ein gutes Debüt, weil sehr anders und ich bin gespannt, ob mir wieder ein Buch dieser Autorin in die Hände fallen wird.

      Im Moment bin ich gerade in Japan unterwegs (Hallo Japan). Mal sehen, was ich darüber berichten werde.

      LG und viel Spaß mit Fallada. Ich hoffe, ich finde Zeit, deine Meinung dazu zu lesen. 🙂

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