Was bringt Lucifer in die Provinz?

Luzifer und der Küster von Sabine Schulze Gronover
Flexibler Einband, 304 Seiten
Erstausgabe : 01.10.2012
Emons Verlag
ISBN: 9783897059979

Luzifer und der Küster.
Ein vergleichsweise einfacher Titel und von der Wortwahl etwas vorbehaftet.

Trotzdem genau richtig für diesen Krimi.
Soviel beißenden und knochentrocken bis sarkastischen Humor findet man sonst bestenfalls in good old England.

„Hälst du deinen Bruder für so gefährlich?“
„Er hatte eine schwarze Mamba im Keller und hat es niemandem im Haus erzählt. Wie nennen Sie das denn? Tierliebe?“ (S. 245)

Beim Lesen platze ich mitten in die Beerdigung von Rudi Kemper, seines Zeichens Sozialpädagoge. Und bin quasi hautnah dabei. Wie sonst sollte man es ausdrücken, wenn der eben Verstorbene seine eigenen Eindrücke schildert – bis hin zum Übergang in’s Jenseits.

Dort erholen sich normalerweise die eben verstorbenen Seelen, bevor sie für eine weitere Runde der Wiedergeburt zurück auf die Erde gelangen.

Bei Rudi dagegen liegen die Dinge etwas anders.
Er ist aus beruflichen Gründen hier. Ein paar Jugendliche haben sich in der jenseitigen Wellness-Oase eingeschlichen und keiner weiß, woher oder warum?

Nachdem die erhofften Erfolge auf sich warten lassen, bekommt Rudi leihweise den Körper des Küsters Christian Grothe zur Verfügung gestellt. Mit der Auflage, in Lüdinghausen zu ermitteln, was es mit den drei Störenfrieden auf sich hat und inwiefern Luzifer dabei seine Finger im Spiel hat.

Kaum wieder ‚unten‘ angekommen, stolpert Christian aka Rudi zusammen mit seinem neuen Vorgesetzten Pastor Klein über die Leiche der Putzfrau in der Sakristei.
Damit ist dann auch das eigentliche Spielfeld eröffnet.

Immer mehr Verdächtige tauchen auf, die sich gegenseitig an Undurchsichtigkeit nichts schenken. Zum Glück für den teilweise völlig im Dunkel tappenden Christian hat er auch einige Hilfe – sowohl irdisch als auch von himmlischer Seite.

In völliger Seelenruhe verfolgt Luzifer die gesteckten Ziele und lässt es sich nicht nehmen, nebenbei bei Christian die ohnehin schon bestehende Panik zu vertiefen. Was dem gefallenen Engel natürlich auch nicht schwer fällt.

Wenn mir jemand erzählt hätte, wie in einem so kleinen Städtchen wie Lüdinghausen dermaßen der Teufel los sein könnte – ich hätte diese Behauptung zumindest sehr skeptisch angesehen.

Nach außen hin zeigt sich das geruhsame Bild eines westfälischen Städtchens mit sonntäglichem Kirchgang, nachbarschaftlichem Klatsch und auch der ein oder anderen aufmerksamst gepflegten Unstimmigkeit (Rudi bildet da keine Ausnahme).

Diese idyllische Fassade wird ausnehmend gut aufrecht erhalten – und dahinter geht die Post ab. Ich tappe beim Lesen zusammen mit dem Küster fröhlich im Dunkeln und habe bis zur letzten Minute immer noch keinen Schimmer, wer denn nun der Handlanger von Lucifer ist.

Wobei Handlanger möglicherweise nicht ganz die richtige Wortwahl ist. Alles Auslegungssache. Luzifer’s Vorgehensweise ist sehr raffiniert ausgetüftelt. Und wie im Laufe der Handlung auch mehrmals unter der Hand betont wird – der Mensch hat seinen freien Willen. Luzifer zwingt niemanden, ihm zur Hand zu gehen. Das hat er auch gar nicht nötig.

Es gibt allerdings auch noch die andere Seite der Münze. Nicht nur bei der Geschichte oder im unmittelbarem Kreis um Rudi, auch bei Luzifer. Mehr darüber zu schreiben, würde möglicherweise das Lesevergnügen schmälern.

Sagen wir es so: Das Buch lässt es stellenweise richtig ruhig angehen – gediegene Sprache, gepaart mit rabenschwarzem Sarkasmus. Und ich würde es sofort jedem in die Hand drücken. ‚Mußt du gelesen haben.‘

Last but not least bekommt das Buch durch den Epilog einen besonderen Touch. Enorm viel Raum für Spekulationen tut sich auf, die sich mit ein wenig Gedankenfreiheit in alle Himmelsrichtungen bewegen können.

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4 Kommentare zu „Was bringt Lucifer in die Provinz?

  1. Gleich auf den ersten Blick wollte ich das Buch schon abhaken („Was ist denn das für ein Titel? Ach je, religiöse Klischees treffen Regionalkrimi, das werde ich eh nicht lesen.“), aber das wäre wohl vorschnell gewesen. Ich habe dann doch in deiner Besprechung weitergelesen und muss sagen, das klingt wirklich nach einem großen Spaß! 🙂

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