Das klare Sommerlicht des Nordens

Das klare Sommerlicht des Nordens von Petra Oelker
Flexibler Einband, 448 Seiten
Erstausgabe : 01.07.2014
Polaris Verlag
ISBN: 9783499267772

Der Roman ist vor allem eines: Schwer zu fassen.

Sehr schön beschrieben die Gegebenheiten Hamburgs im Jahr 1905 mit Krankheiten, Umbruch, raffgierigen Miethaien, Frauen, die sich erst langsam die Arbeitswelt erobern.

Und bei allem Wissen trotzdem verblüffend, dass es schon damals Judenhass gab. Hitler wurde wirklich von langer Hand der Weg bereitet. Dabei ist es bis zum 3. Reich noch ein gutes Stück Weg.

„Die Zeiten werden immer besser“, sagte er und lehnte sich entspannt zurück. „Da weiß man, wohin man in die Sommerfrische gehen kann. Borkum bietet judenfreie Ferien, die besseren Orte im Harz und in Bayern auch. Wenn das keine famose Werbung ist!“ (S. 159)

Dora’s Familie hat es endlich geschafft von einer baufälligen Slumgegend – den sogenannten Gängen – in ein Wohngebiet umzuziehen, dass dem Namen vielmehr gerecht wird: Der Neustadt.
Natürlich können sie sich diese teurere und für ihre Verhältnisse schon beinah luxuriös zu nennende Wohnung nur mit vereinten Mitteln leisten. Da kommt es nicht ungelegen, dass Dora eine vorübergehende Stelle als Aushilfsschneiderin bei der wohlhabenden jüdischen Familie Wartberger angeboten bekommt.

Sidonie Wartberger hat bereits die 2. Fehlgeburt hinter sich. Die Medikamente, die ihr helfen sollen, ihre ‚Melancholie‘ in den Griff zu bekommen, beruhigen zwar und lassen die junge Frau in einem betäubten gleichmütigen Zustand durch die gesellschaftlichen Verpflichtungen wandeln… wirklich hilfreich sind sie nicht.
Vielleicht hilft der Sommermalkurs an der Alster – frische klare Luft und die Gesellschaft gleichgesinner junger Damen aus guten Hamburger Familien.

Die Autorin zeigt einen passenden Schreibstil für das frisch begonnene Jahrhundert im deutschen Kaiserreich. Nach und nach lernt man beim Lesen immer mehr die damals erwarteten Verhaltensweisen kennen. Gerade durch die Verfolgung der Gedanken der Menschen, die einem dadurch immer vertrauter werden, erfährt man viele Gegebenheiten, die so wohl kaum jemals ausgesprochen werden könnten.
Gelegentlich kommt es zwar etwas arg langatmig vor, aber gerade das bringt die Verschiedenheit der einzelnen Charaktere wesentlich näher, als es mit Worten allein kaum möglich wäre.

Speziell Dora’s Cousin Theo ist ein Blatt für sich.
Man wartet beim Lesen ständig darauf, dass etwas schlimmes passiert. Eine Katastrophe, von der man beim Lesen das immer wiederkehrende Gefühl hat, dass sich die Schlinge langsam aber unaufhaltsam zuzieht. Genauso übrigens bei Sidonie und ihrer Familie. Ständig die hintergründige Erwartung, jeden Moment könnte sich etwas Unvorhergesehenes ereignen.

Die Geschichte handelt neben durch Theo verursachten Verwicklungen zum größten Teil von Zusammenleben der Familie Wartberger um die Jahrhundertwende. Zusammen mit Stippvisiten bei Dora’s Tante Anna in der Neustadt und gelegentlichen Besuchen bei deren Freundinnen Marlene und Julie in deren gemeinsamen Wohnung. Nach und nach bin ich sehr vertraut mit den Mädels geworden, ganz besonders mit Sidonie Wartberger.

Man teilt ihre Vorlieben, ihre Ängste und möchte auch manchmal ganz ordentlich jemanden durchschütteln und den Kopf waschen – besonders Dora und Marlene. Bei Theo ist da sowieso schon alles vergebens. Der hängt fest im Netz der künftigen NSDAP.

Zum Glück und zu meiner völligen Zufriedenheit ist auch die Frage um den verschwundenen Gablonzer Schmuck völlig erklärt worden. Andernfalls wäre es das große Manko in dem Buch geworden. So war es vielmehr ein gelungener Schachzug der Autorin, weil man bis zum Ende mitgefiebert und darauf gewartet hat, dass es zum großen Knall deswegen kommt. Und damit hing natürlich auch die Frage im Raum, warum immer noch nichts passiert ist.

Im Rückblick ist Sidonie meine liebste Figur in dem Buch. Die Melancholie bleibt ihr erhalten – aber sie hat gelernt, damit umzugehen. Und auch, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Mit aller Contenance, versteht sich. 😉

„Eine Ehefrau sei immer das Aushängeschild ihres Gatten, das verpflichtete zur Makellosigkeit, dem könne sich keine entziehen. (S. 408)

Dora kommt im Vergleich etwas schwächer rüber. Was vermutlich daran liegt, dass sie noch ihren Weg sucht oder anders gesagt, den Mut sucht, sich gegen Theo aufzulehnen und zu ihrem Brötchengeber zu gehen. Bis zuletzt hat man das Gefühl, daß sie ihren Weg nicht allein findet – vielmehr wird sie an die Hand genommen und bekommt ordentlich Hilfestellung. Ich hätte mich mehr mit ihr anfreunden können, wenn Dora auch einmal selber Courage gezeigt hätte – auch auf die Gefahr hin, noch mehr in Schwierigkeiten zu geraten.

Ein besonderer Leckerbissen sind die Einblicke in die Künstlerszene – ganz besonders die van Gogh-Ausstellung in Hamburg. Das Aufkommen verwegener Mode laut Dora und ebensolche Gemälde, würde man Sidonie dazu befragen.

Das Cover passt hervorragend zum gezeichneten Bild des Romans. Die Pastelltöne mit den beiden am Strand flanierenden Damen lassen an ruhige Nächte am Alsterufer denken.

Wenn man auch ganz entfernt die ersten aufziehenden Anzeichen kommenden Unheils ahnen kann: Für die Familien des Jahres 1905 geht alles seinen gewohnten Gang in einem Leben, von dem die wenigsten große Veränderungen erwarten.

Im Fazit: Es war das Wagnis wert.

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