Raubbau für Öl

Auf den Schwingen der Schleiereule von Sanna Seven Deers
Flexibler Einband, 320 Seiten
Erstausgabe : 16.06.2014
Ullstein Verlag
ISBN: 9783548286013

Augenscheinlich ganz harmlose Geschehnisse können oft der Anfang von einer viel weitergehenden Geschichte sein. Der sprichwörtliche Stein, der in’s Wasser fällt und noch lange danach noch weite Kreise zieht.

Hier ist Sarah der ausschlaggebende Stein.
Aus beruflichen Gründen ist sie in Kanada unterwegs und und verliert im unerwartet aufgekommenem Nebel die Orientierung. Gefunden wird sie von der Indianerin Little Drum und deren Tochter Elisabeth.

30 Jahre später erreicht Sarah ein Brief aus Kanada.
Little Drum ist gestorben und hatte den Wunsch, Sarah bei ihrer Bestattung dabei zu haben.

Kurz darauf ist Sarah mit ihrer Tochter Elisabeth und ihrem Enkel Nik unterwegs nach Kanada.

Auf dem Weg zu dem Reservat, in dem Elisabeth mit Tochter Lynn und ihren Enkeln unter sehr harten Bedingungen lebt, erleben die Frauen zum ersten Mal die katastrophalen Auswirkungen von Ölsandabbau für die Umwelt. Aufgerissene Erde, riesige Krater in der Erde und selbst die kanadischen Regenwälder sind von dieser radikalen Methode der Ölgewinnung bedroht.

Schon die Beschreibung des nach kanadischen Maßstäben ’nächstgelegenen Ortes‘ Fort McMurray ist brutal. Beim Lesen bilden sich Bilder vor dem inneren Auge, als wäre man in eine Siedlung aus der Zeit des Wilden Westens in das 21. Jahrhundert versetzt worden. Allerdings ohne die Romantisierung, die in den meisten Westernfilmen gezeigt wird. Für Frauen ist es nicht ratsam, allein auf den Straßen unterwegs zu sein und es regiert das Gesetz des Stärkeren. Kaum vorstellbar, daß es in einem ‚zivilisiert scheinenden Land‘ wie Kanada solche Unsitten herrschen können.

Die Gegebenheiten in der Minenstadt machen es schwer vorstellbar, daß das nicht nur alles Fiktion ist.

Fort McMurray ist eine real existierende Stadt im nördlichen Teil von Kanada, lebt vom Fracking und hat durch die enormen Ausmaß des Ölsandabbaus seine Bevölkerung in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Genauso wie die Gegebenheiten um den Ölsandbau und die daraus entstehenden Umweltschäden, entspricht dieser Teil der Geschichte völlig den Tatsachen. Gerade daß macht die Erzählung der Sterneneule so erschreckend und gleichzeitig so einmalig

Neben den Umweltschäden gibt es noch andere Blickwinkel, die in dem Buch angesprochen werden. Gerade für Natives ist es alles andere als einfach, Arbeit zu finden. Der Großteil ist immer noch arbeitslos oder hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Der sich daraus zwangsweise ergebende Konflikt zwischen einem gesicherten Gehalt und der Zerstörung des Landes wird angesprochen und regt zu einigem Nachdenken an.

Geld verändert den Charakter und daß aus Gier danach viel gemacht wird, ist eine alte Binsenweisheit. Hier ist es nicht anders. Durch die ganze Geschichte hindurch bleibt es offen, wem wirklich zu trauen ist. In beiden Lagern gibt es Menschen, die Sarah und Lynn helfen wollen. Die Frage ist, wem kann man trauen. Wer sagt die Wahrheit?

Selbst der augenscheinliche Tod von Lynn’s Ehemann bleibt lange ein Rätsel.
Wie ist er gestorben, warum – ist er überhaupt wirklich tot?

Unabhängig von aller Fassungslosigkeit über die kaltblütigen Vorgehensweisen bis hin zum Mord ein spannendes Buch. Nichts wird beschönigt, auch wenn öfter genauer hingesehen werden muß, um die knallharte Wahrheit über ein Leben im Abseits der Gesellschaft nicht zu überlesen.

Die Ereignisse um Ted und seine Familie stehen völlig im Vordergrund. So sehr möchte man Lynn wünschen, daß ihr Mann noch am Leben ist und sie nicht mit ihren Kindern und schwanger allein im umkämpften Reservat zurückbleibt.

Was in europäischen Breitengraden mit einem Gang zum Amt in ziemlich gesicherte Bahnen zu lenken wäre, nimmt hier den Platz einer Katastrophe ein.
Mit Ted steht und fällt der Boden unter den Füßen dieser Familie.

Wie in ihren anderen Büchern schreibt Sanna Seven Deers auch hier wieder sehr anschaulich über die Mythologie der Natives, nur daß es dieses Mal nicht ganz so ausfürlich beschrieben wird wie in anderen Büchern, die ich von ihr gelesen habe. Auch die heutige Situation und die Kultur der amerikanischen Ureinwohner kommt dabei nicht zu kurz.

Ich habe diese Rezension ziemlich lange vor mir her geschoben. Der Grund ist, daß ich gerade bei diesem Thema eine sehr klare Meinung gegen das Fracking habe. Da ist es nicht einfach, nicht nur über Fracking und die aus meiner Sicht offensichtlichen Folgen zu schreiben.

Links:
Greenpeace: Das dreckige Geschäft mit dem Ölsand
Greenpeace: Öl – auch in Kanada ein dreckiges Geschäft
Greenpeace: Kanada – trennt Öl und Staat
Planet Wissen: Ölsandabbau in Kanada
Wikipedia: Fort McMurray
Wikipedia: Ölsand
Zeit: Öl – war da was?

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Ein Kommentar zu „Raubbau für Öl

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