Mit der Herzogin durch das historische London

Die Herzogin der Bloomsbury Street von Helene Hanff
Fester Einband, 208 Seiten
2. Auflage 2003
Hoffmann und Campe Verlag
ISBN: 3-455-02651-6

84. Charing Cross Road
Damit begann die Reise. 30 Jahre später nimmt sie ihren Fortgang, als Miss Hanff endlich ihren lang gewünschten Flug nach London antritt. Ein Aufbruch in eine andere Welt. Nicht nur für die Autorin, auch für den Leser.

Wenn man sonst an London denkt, denkt man an den Tower, Westminster Abbey, Bond Street, die Baker Street 221b, den Buckingham Palace, Shakespeare’s Globe Theatre… Kurz, es lässt sich viel mit London verbinden.

Anders mit Miss Hanff.
Mit ihr London zu erkunden führt einen zwar auch zu einigen dieser bekannten Sehenswürdigkeiten – und auch zu vielen verborgenen Juwelen dieser Stadt und Namen, von denen man nie zuvor in seinem Leben gehört hat. Was nicht daran hindert, es Miss Hanff gleich zu tun weit abseits der üblichen Pfade für Reisen und Bücher.

„Es gibt im Trinity College eine Suite von Studentenzimmern, wo John Donne, John Henry Newman und Arthur Quiller-Couch zu unterschiedlichen Zeiten gewohnt haben. Was ich über das Schreiben in englischer Sprache weiß, haben diese drei mir beigebracht, und bevor ich sterbe, möchte ich in ihren Studentenzimmern stehen und ihre Namen segnen.“
(s. 66)

„So führte das eine zum anderen, und nachdem ich durchschnittlich dreimal pro Woche ‚Moment mal‘ gesagt hatte, brauchte ich elf Jahre, um alle fünf Bände von Qs* Vorlesungen durchzulesen.“
(S. 68)

Wäre es nicht ein wenig zu lang, könnten an dieser Stelle die kompletten drei Seiten als Zitat stehen. 😉
Sie geben ein sehr einmaliges Bild über die Lesegewohnheiten von Miss Hanff und ich könnte mir gut vorstellen, dass sich diese Hartnäckigkeit auch in anderen Beispielen zeigte und für einiges Amüsement sorgte.
Ihr Humor ist an Einzigartigkeit kaum zu überbieten.

Ebenso wie beim Lesen beschreitet die Herzogin der Bloomsbury Street auch auf ihren Reisen unausgetretene Pfade und lässt sich von ihren zahlreichen britischen Fans (wie neumodisch sich das Wort an dieser Stelle anmutet) einladen, herumführen und auch an ebendie gewünschten Ziele abseits der Wege führen.

Es bereitet eine ungemeine Freude, ihr dabei folgen zu können und ein paarmal schleicht sich die Überlegung zwischen die Zeilen ‚wenn ich jetzt nach London aufbrechen würde, wäre gerade dieser Ort wohl noch zu finden?‘

„Ein Interviewer fragte mich, ob ich vorhätte, ‚Silber oder Kaschmir zu kaufen – oder einfach nur Bücher.‘ Ich sagte, ich hätte vor gar nichts zu kaufen, denn an allen Dingen in den Schaufenstern hinge ein Preisschild, auf dem stehe: ‚Ein Tag weniger London.‘
Auf zum Parlament.“
(S. 58)

„Ich wurde regelrecht wütend, als ich sah, dass Henry Irving in der Westminster Abbey begraben liegt, aber Ellen Terry nicht. Henry Irving ist einer von diesen legendären Schauspielern, so wie Garrick, er war Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Idol der Londoner. Ellen Terry war seine Partnerin auf der Bühne. In ihrem Briefwechsel mit Shaw entdeckte ich meine Sympathie für sie, und ich halte es für reinen männlichen Chauvinismus, dass Irving in der Abbey beerdigt, während Ellens Asche in der kleinen Actors‘ Church neben dem Covent Garden Market liegt – ich werde dort hingehen.
(S. 143)

„Ich durchquerte das Kirchenschiff und ging an der linken Wand entlang und las die Plaketten bis hin zum Portal. Unmittelbar beim Portal, als ich gerade hinausgehen wollte, stieß ich auf eine der neueren Plaketten:
Vivien Leigh, gest. 1967
und war plötzlich zu Tränen gerührt.“
(S. 175)

Nicht nur London kommt mit jeder Seite näher – an dieser Stelle ist es zu bedauern, wie schnell sich die knapp 200 Seiten weglesen lassen – auch Miss Hanff wird sehr vertraut und mit ein bischen Glück wird sich noch ein weiteres Buch von ihr hier einfinden.

Ich komme nicht darum herum, zu sagen es ist ein entzückendes Buch. Dabei umschiffe ich sonst eher solche Worte, zuviel Beigeschmack. 😉

*Arthur Quiller-Couch

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3 Kommentare zu „Mit der Herzogin durch das historische London

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