Von der Allgäuer Viehscheid

Herbst im Allgäu bedeutet, die Kühe werden von ihren Almen herabgetrieben und ihren Besitzern zur Unterbringung in den Ställen übergeben. Oder auf andere Weiden überführt – daher der Begriff Viehscheid. Die Tiere werden aus der Herde geschieden, je nach Bestimmung und Besitzer. Vorher werden sie noch mit aufwändigem Kopfschmuck, Zugschellen und großem Trara durch den Ort getrieben.

Damit kommt auch das eine große Manko zum Tragen – vor lauter Halligalli, Touristenmassen und Verkaufsständen muss man schon richtig aufpassen, die eigentliche Viehscheid nicht zu verpassen. Unter den Menschmengen kann so eine Kuhherde schonmal untergehen. Zumal so eine Herde von ca. 100 bis 200 Kühen nicht eben lange braucht, bis sie durch den Ort getrieben wurde.

Was schade ist, denn so ein Kopfputz aus Tannenzweigen, Eberesche und verschiedenen Bergblumen ist eine echte Augenweide, die mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist und damit unbedingt sehenswert. Dazu geht die Viehscheid auf altes Brauchtum zurück und es braucht schon einiges Verständnis, um sich an dem Volksfest-Treiben nicht zu beißen.

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Eine Herde wird bei der Viehscheide nur dann von einem Hirten mit Kranzkuh geführt, wenn es während des Alpsommers keinen Unfall oder Verlust eines Tieres gegeben hat. Die Krone enthält oft ein Kreuz für den Schutz Gottes oder einen Spiegel, der böse Geister durch ihren eigenen Anblick abwehren soll.

Die Anfänge des Allgäuer Viehscheids finden sich lt. Netzrecherche im allemanischen Raum (Oberstdorf) um das Jahr 1000 n.Chr. Seit dieser Zeit wurde das Jungvieh in den Sommermonaten auf die Alpen gebracht.

Allgäuer reagieren manchmal recht einsilbig, wenn sie auf das Treiben vor Ort angesprochen werden. Wir ergreifen auch etwa gegen 11.00 Uhr die Flucht. Gerade rechtzeitig, um noch die Autokarawanen zu bewundern, die sich Stück für Stück den Berg hoch schieben, um auch noch an den Ort des Gesehehens zu gelangen.

Auf der einen Seite ist es schade, ich hätte gerne noch mehr des geschmückten Hornviehs gesehen. Aber die einzelnen Herden kommen nur ca. alle 30 Min. und dazwischen darf man die Festzelt-Beschallung ‚genießen‘.

Also doch lieber fort und sich freuen, dass auf dem Fluchtweg noch eine der Kuhherden direkt auf uns zugetrieben wird. Glück muss man haben.

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Am nächsten Tag stoßen wir durch reinen Glücksfall noch auf eine kleine Herde ohne Schmuck, die ganz gemütlich auf den heimatlichen Stall zutrabt – hinter ihr ein einzelner Hirt auf dem Fahrrad, der nur für alle Fälle noch einen Stock in der Hand hält. In aller Ruhe und mit uns als einzigen Zuschauern. Eine Viehscheid der anderen Art. 😉

Nachher im Wirtshaus erfahren wir noch, daß am Tag vorher auch hier die ‚offizielle Viehscheid‘ war – ebenfalls mit großem Bahnhof samt Festzelt und dem ganzen Menschenauflauf. Gewürzt mit einigen Vermutungen über die unterschiedliche Anzahl der ‚Hinterläufe der einzelnen Rindviecher‘ und daß es stellenweise auch Orte gibt, an denen die Herden 2 x durch den Ort getrieben werden – damit es mehr hermacht.

Zwischenfazit:
Wenn es eine große Viehscheid sein soll, am Besten früh kommen, sich einen Platz etwas abseits der Hauptstraße suchen. Vielleicht vor dem Ort, wenn man weiß von welchen Alpen die Kühe herabgetrieben werden. Und – ganz wichtig – wieder früh gehen (vor 12 Uhr), bevor die Touristenbusse und Pkw’s in Massen kommen. Oder gleich zu einer kleineren Viehscheid gehen. Dort wird zwar auch gefeiert mit Festzelt usw. Aber mit ein wenig Glück bleiben einem wenigstens die Verkaufsstände erspart.

Nachdem die großen volksfestmäßigen Viehscheid-Events doch einigen Zulauf haben: Was ist eure Meinung über die Vermischung von alten Traditionen und der touristischen Vermarktung? Würdet ihr trotzdem hingehen oder wo lägen eure Grenze? (und falls jemand einen Tip weiß, wo eine Viehscheid nicht so überrannt ist und uns eine Mail schicken möchte – Diskretion wird zugesichert 😉 ).

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4 Kommentare zu „Von der Allgäuer Viehscheid

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