Ein schwäbisches Wörterbuch?

Schwäbisch auf deutschSchwäbisch auf deutsch von Friedrich E. Vogt
Fester Einband, 80 Seiten
2. erweiterte Auflage von 1979
Bruckmann Verlag
ISBN: 3765415472

Bei Schwäbisch ist der erste Gedanke der, daß von einem Dialekt die Rede ist.

Der Dialekt leitet sich ab vom lateinischen dialectos sowie dem altgriechischen diálektos (Ausdrucksweise).

Irriger könne ein Gedanke kaum sein. Eine eigenständige Sprache trifft die Sache um Einiges genauer. Mit Wurzeln, die weit zurückreichen und auch einiges über die hier stattgefundeten Völkerwanderungen erkennen lassen.

Wenn ein Dialekt immer seltener gesprochen wird, ist es nicht weiter tragisch. Schließlich gibt es ja immer noch die gemeinsame Muttersprache (oder auch Amtssprache), das Hochdeutsche.

Aber wenn der Fall ganz anders liegt? Wenn schwäbisch eine eigenständige Sprache ist wie fränkisch, sächsisch, bayerisch, schwyzerdütsch – oder etwas weiter ausgeholt – die vielen Sprachen der Natives, die auch Gefahr laufen, verloren zu gehen?

Dann sieht die Sache ganz anders aus. Eine Sprache zu verlieren, macht die Welt ein bisserl eintöniger.

Versucht einmal, Begriffe von einer Sprache in eine andere zu übersetzen. Früher oder später kommt unausweichlich ein Stolpern, bei dem der übersetzte Begriff nicht exakt das Gewünschte trifft.

Dazu kommt, dass die Schwaben ein sehr alter Volksstamm sind. Kann man sich heute kaum noch vorstellen, ist aber eine Tatsache. Bei soviel Historie lohnt es sich auf jeden Fall, tiefer zu graben.

Auslöser für diesen kleinen Exkurs ist ein pinkfarbenes Fundstück, dass mit dem Titelbild gleich einigen versteckten Witz anbietet. Vorausgesetzt, man lässt sich genug Zeit, die Dame bei ihrer Tätigkeit genauer in Augenschein zu nehmen.

Spätestens mit dem Vorwort ist der sprichwörtliche Köder ausgelegt in Form eines Buches über schwäbische (Sprach-)kultur und Historie. Inklusive der Denkweise, die sich auch in der Sprache wiederspiegelt. Da wird auf die Vorlieben der schwäbischen Sprache und zumindest in einer groben Gebietseinteilung auf die sprachlichen Unterschiede eingegangen.

Und weil es eben kein gewöhnliches Wörterbuch ist, lässt sich das Buch angenehm Zeit mit den aufgegriffenen Begriffen. Da wird nicht nur ein Wort in’s Hochdeutsche mit den üblichen Zeitformen übersetzt. In kürzerer, manchmal längerer Form werden die Worte aufgegriffen und auf ihre Bedeutung, Herkunft und Geschichte samt persönlichen Eigenschaften durchleuchtet.

Natürlich kann nicht das komplette Schwäbisch auf diese Weise durchgenommen werden. Aber für einen guten tiefergehenden Einblick langt es problemlos. A weng Zeit muss man sich für die 80 Seiten schon nehmen und manche Abschnitte mehr als einmal durchlesen – dafür ist man dem Kern der Sprache ein Stück nähergekommen.

Das Büchlein zeigt bei genauerem Hinsehen die komplette Bandbreite von direkt bis kurz vor grob

„ärschlengs ist das umgelautete Umstandswort zu, nun ja zu: ‚A….‘. Es drückt, gewiß etwas unfein, das gleiche aus, was sich hochsprachlich als ‚rückwärts‘ darstellt und so zu deuten ist, daß jemand sich mit dem entsprechenden Körperteil voraus dahinbewegt. Das Hauptwort wie das Umstandswort sind nicht erst eine Erfindung des Götz von Berlichingen. Nein: Beide sind uralt überlieferte Lautungen. Das Hauptwort entstammt dem Indogemanischen, das Umstandswort dazu ist schon im Mhd. des 11. Jahrhunderts als ‚erselings‘ bezeugt.“
(S. 9)

bis zu gutmütigem Spott

„Bah´wärdersdäfela sind wörtlich ‚Bahnwärterstäfelchen‘. Unter dieser impressionistischen Umschreibung kursiert das, was anderswo (so in Bayern) als Ohrwaschln ausgegeben wird und, sachlich gesprochen, (abstehende) Ohren bedeutet.“
(S. 13)

und dem ganzen dazwischenliegenden Spektrum.

Wer nur ein bischen die schwäbischen Klischees im reellen Alltag erlebt hat, wird mehr als nur einmal grinsen, weil’s eben genauso ist wie beschrieben.

Ich könnte an der Stelle mit Zitaten um mich schmeißen, auch wegen der Wurzeln, die u.a. auf’s Lateinische, Französische und Italienische zurückgehen.

„Ganga, älter gao – Schon im Mittelhochdeutschen bestand diese Nebenform zu Hochdeutsch ‚gehen‘. Das noch auf dem platten Land dafür zu hörende ‚gao‘ stützt sich auf mhd. ‚gân.“
(S. 32)

Was besonders Spaß macht: Das so ziemlich jeder Begriff einen verborgenen Hintersinn mit spazieren trägt. Ganz wie es dem schwäbischen Wesen entspricht.

S wär schad, wenn Schbroch verschwende däd. 😉

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