Rezensionsexemplare

Drei Mal bekam ich jetzt schon eine Anfrage, ob ich eine Rezension über ein bestimmtes Buch schreiben würde, dass mir dafür auch zugeschickt würde.
Als ich diesen Blog angefangen habe, wäre mir diese Möglichkeit nie in den Sinn gekommen. Aber es freut mich trotzdem. In meiner Idealvorstellung hat da jemand meine Rezensionen gelesen und gut gefunden. So gut, dass er sein Buch von mir besprochen sehen möchte. Soviel zur meiner leicht getönten rosa Brille.
Die leise Stimme im Hinterkopf blende ich dabei einmal aus. Mir ist natürlich auch klar – vorrangig geht es um Verkaufen und Bekanntmachung der neuen Bücher, damit sie in der Masse nicht völlig untergehen.

Bei solchen Anfragen sitze ich dann abends im stillen Kämmerlein und halte mit mir Kriegsrat: Will ich oder will ich nicht. Bis jetzt wollte ich nicht oder es kam eben keine Verständigung zustande.
Dieses Mal werde ich sozusagen in’s kalte Wasser springen und das gleich im doppelten Sinne:

Eine Satire wird es werden – in meinen Augen so ziemlich eines der heißesten Eisen, die man anfassen kann. Und ich werde die Besprechung nicht selber schreiben. Sondern die stille Beratung im Hintergrund wird es tun. Die sich sonst immer meine Gedanken zu dem Buch anhören darf. Was mir gefallen hat und was ich mir anders gewünscht hätte. Und die mit mir diskutiert und auch dafür sorgt, dass meine Gedanken sich klären und sich eine Meinung herauskristallisiert.

Beides ist immer ein sehr spannender Prozess, ein Duell auf geistiger Ebene.
Ich bin also schon sehr gespannt, wie die erste Besprechung aussehen wird.
Und was die Zukunft weiter bringt, das sieht man dann…

Und ich bin auch nur ein ganz kleines bischen nervös.

Wer weiß schon, was wahr ist

Was ist wahr? Was ist Einbildung? Und was ist Phantasie?

Der Garten der alten Dame von Nikola Hahn
Flexibler Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Thoni Verlag, 14.03.2012
Aktuelle Ausgabe: 30.04.2013
ISBN 9783944177144
4 von 5 Sternen

Elis Eltern trennen sich, und ihr Leben zerbricht. Der Kummer ist kaum auszuhalten, doch dann entdeckt sie den versteckten Zugang zu einem verbotenen Garten, in dem eine seltsame alte Dame wohnt: Sie trägt den Namen einer Toten und behauptet unmögliche Dinge. Und sie zeigt Eli eine Welt, die sie wieder froh sein lässt – bis zu jenem Tag, an dem etwas Furchtbares geschieht…

Niemand außer Eli interessiert sich für den Garten, der sich alt und verwildert in ihr Leben schleicht und sie eine neue Welt jenseits der gewohnten Dinge erleben lässt.

Eine Welt, in der Kobolde in allerschönster Ruhe unter Bäumen liegen und das Leben zu sich kommen lassen…
In der kleine Lokomotiven, die in die Wolken hinauf fahren…
Und in der Frau Meyer mit ihren wilden Kräutern und anderen Pflanzen, ihren Tee’s, ihrem Gebäck ihre herrlichen Geschichten erzählt…

Ganz von selbst wird man beim Lesen mitgenommen in diesen Garten.  Fort von dem, was als die Realität gilt.

Schließlich – was ist Realität?

„Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.“ (Talmud)

Viel zu oft will sich der Verstand dazwischen drängen und sondieren, gibt es das alles?

Gibt es Frau Meyer und Kobold Nikodemus und die kleine Eisenbahn Rudi?

Am Besten hört man gar nicht auf den Kopf, wandert weiter auf den vielen verschlungenen Wegen, die durch den Garten der alten Dame führen und lässt sich immer weiter von breiten ausgetretenen (Gedanken-)pfaden weglocken. Schaut dabei hinter die Hecken, was es noch alles zu entdecken gibt.

Es ist eine wunderschöne Welt – ein Garten für Innen, Drinnen und Draußen. Eine Welt hinter, neben und bei der Welt, die wir jeden Tag mit den alltäglichen Augen sehen können.

Das Wunderbare daran ist, wie die Welt um Eli immer größer und bunter wird und neue Freunde in diese Welt kommen. Und so ganz nebenbei gibt es auch die Erkenntnis, daß es ziemlich egal ist, wie anders diese Freunde im Denken sind.
Es sind Freunde und nur daß zählt. Etwas, daß viel zu gern vergessen wird.

Übrigens: Ich glaube, daß Frau Meyer wirklich da war und sich mit Eli unterhalten hat. 😉

Verlagslink: Thoni Verlag

Sünden und Buße im Mittelalter

Sehet die Sünder von Liv Winterberg
Flexibler Einband, 432 Seiten
Erstausgabe: 12.12.2012 beim dtv Verlag
ISBN: 9783423249409
My rating: 3 of 5 stars

In der Bretagne 1440 kommt es zu immer häufigeren Morden. Alle geschehen sie in dem kleinen Dorf Saint Mourelles. Und zerreißen damit auch immer weiter die ansonsten funktionierende Dorfgemeinschaft. Die Angst greift immer weiter um sich und es dauert auch nicht wirklich lange, bis Angst und übelste Verdächtigungen die Runde machen.
Weil einfach keiner mehr weiß, wem ist noch zu trauen?
Wer sagt die Wahrheit?
Und vor allem – wer steckt dahinter?
Wer ist der Mörder?

Verdächtige hierzu gibt es genug.
Der Lehensherr des Dorfes – der Baron Amédé de Troyenne
Sein Hauptmann, der allgemein einen sehr finsteren Ruf genießt.
Der Bischof, der sich nach und nach die Ländereien aneignet.
Oder doch Catheline, die Haushälterin des alten Dorfpfarrers.

Keiner in dem kleinen Dorf ist mehr sicher, nicht unter Verdacht zu geraten.

Da auch jeder der genannten Verdächtigen noch seine eigene Vergangenheit hat, an der er mitunter schwer trägt, ist es bis zum Ende offen, wer nun hinter den ganzen Greueltaten steckt. Selbst als sich bereits eine Lösung abzeichnet und ein Geständnis offen zu liegen scheint, bleiben immer noch Zweifel offen. Ob dieses Geständnis nun wahr ist oder von der Furcht vor der Folter erzwungen wurde.

Insofern ist ‚Sehet die Sünder‘ eine wirkliche spannende Geschichte, die einen bis zuletzt im Unklaren lässt.
Jetzt wäre es noch wünschenswert gewesen, die einzelnen Geschichten, die in der Erzählung mit reinschwingen, stärker ausgelotet zu sehen und damit auch die Beweggründe der Betroffenen.

Wie könnte es gewesen sein…

Kann man zuviel lesen? Eigentlich nicht. Und trotzdem denke ich manchmal, ich habe einfach schon ‚zu viele‘ Bücher ähnlicher Art gelesen. Anders kann ich manchmal die große Diskrepanz nicht erklären, die sich bei Buchmeinungen so ergeben.

Die Geschichte ist gut recherchiert, liebevoll geschrieben, ohne sachliche Fehler, die Sprache entspricht in allen Einzelheiten der damaligen Zeit mit den ganzen feinen Unterscheidungen zwischen Dienerschaft, Herrschaft und Gleichgestellten.

Die Menschen sind ausführlich mit Licht- und Schattenseiten gezeichnet.
Selbst bei Ludwig – dem Gegenspieler in der Geschichte – flackert für kurze Momente der Gedanke auf, dass da noch mehr sein könnte, als in den Worten zu sehen ist. Möglicherweise gibt es noch andere Gründe für sein absolut boshaftes Verhalten. Aber eben nur vielleicht. Und selbst wenn – seine Taten sprechen klar gegen ihn und lassen jeden Leser sofort eine klare Stellung gegen ihn beziehen.

Bruderliebe erzählt die Geschichte der Baroness Theresia von Rotenburg, ihrer Stiefmutter und ihrem heimlichen ‚Prinzen‚, dem Bürgerlichen Sebastian Langenthal.
Theresisa – gerade eben mal 18 Jahre geworden – hat ihr ganzes bisheriges Leben nach dem Tod der eigenen Mutter im Heim ihres Vaters und unter der strengen Aufsicht ihre Stiefmutter geführt und von dem wirklichen Leben vor den Mauern der Burg keinerlei Ahnung.

Bruderliebe

Im Laufe der Handlung wählt sich die wohlbehütete Tochter dann auch eine Wohnstatt in einem Turm, der in das schützende Mauerwerk der väterlichen Burg integriert ist. „Wie könnte es gewesen sein…“ weiterlesen

Mittelalterliche Ermittlungen – in zweifacher Hinsicht

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“
Georg Christoph Lichtenberg

Wie sinnvoll ist es, ein Buch zu beschreiben, dass einen nicht wirklich überzeugt hat?

Eine Empfehlung wird nicht ausgesprochen und einen Verriß schreiben ist nicht so einfach. Einmal ist es Ansichtssache und ich bin inzwischen auch schon öfter auf die (durchaus vertretbare) Meinung gestoßen, dass nur über Bücher geschrieben wird, die für gut befunden wurden.
Auf der anderen Seite bin ich inzwischen auch schon des öfteren an Büchern hängengeblieben, über deren Kauf ich mich im Nachhinein geärgert habe. Nicht zuletzt auch wegen dem Geld. Für das ich mir doch lieber ein Buch gekauft hätte, dass mir die erhofften angenehmen Lesestunden gebracht hätte.

Also werde ich – zumindest bis auf Weiteres – auch über Bücher schreiben, die mich nicht überzeugen konnten.

Die HurenköniginDie Hurenkönigin by Ursula Neeb
Flexibler Einband, 400 Seiten
Erschienen 14. September 2012 beim Ullstein Verlag
My rating: 1 of 5 stars

Die Leiterin des Frankfurter Hurenhauses anno 1511 – allgemein als die Hurenkönigin bezeichnet – ermittelt auf eigene Faust über die Morde der ihr anvertrauten Hübschlerinnen. Von der Stadtverwaltung bekommt die Frauenhauswirtin Ursel Zimmer dabei wenig Unterstützung. Was allerdings auch niemanden verwundern dürfte, da die Huren der damaligen Zeit zu den Unehrlichen gehörten und gerade mal in den Stadtmauern als geduldet anzusehen waren.

„Mittelalterliche Ermittlungen – in zweifacher Hinsicht“ weiterlesen

Eine neuzeitliche Suche nach Gold

Rotes GoldRotes Gold by Tom Hillenbrand

Paperback, 340 pages
Published April 19th 2012 by Kiepenheuer & Witsch
My rating: 3 of 5 stars

 

Es gibt viele Gründe, warum eine Buchbesprechung länger dauert als ursprünglich vorgesehen.
Die Ruhe oder die Zeit fehlt.
Die richtigen Worte wollen sich nicht einfinden.

Beides trifft hier zu… Es war keine leichte Entscheidung, was ich über das ‚Rote Gold‘ schreiben möchte.

Tom Hillenbrand’s erstes Buch über Xavier Kieffer war mein erster kulinarischer Krimi überhaupt und hat mich für dieses Genre eingenommen.
Besonders, weil das Grundthema neben dem aufzuklärenden Mord bei mir offene Türen einrennt:

Die Lebensmittelindustrie und was so dem Essen beigemengt sein kann.

Xavier ist ein Verfechter der guten alten Handwerkskunst, kein Anhänger der hochgejubelten Sterneküche, die immer und um jeden Preis up to date sein muss.

Das macht ihn sympathisch.

Und darum geht es auch in dem 2. Kriminalroman mit dem luxemburgischen Koch, um die Feinheiten der gehobenen Küche und den damit verbundenen Ränkespielen.
Kieffer verdankt seiner Freundin Valérie (ihres Zeichens Inhaberin des Restaurantführers Guide Gabin) die Einladung des Pariser Bürgermeisters zu einem sehr speziellen Sushiessen im Musée d’Orsay. Um dann dort auch wieder mit einen unerwarteten Todesfall konfrontiert zu werden: Der Sushimeister Ryuunosuke Mifune – ein überzeugter Anhänger der traditionellen japanischen Kochkunst – verstirbt während der Zubereitung der ausgesuchten Menüfolge plötzlich. Als Diagnose wird ‚Fischvergiftung‘ angegeben.

So weit, so gut. Es nimmt nicht weiter Wunder, dass Xavier schnell über die ersten Widersprüche stolpert und auch auf Drängen des Bürgermeisters über die wahren Hintergründe zu ermitteln beginnt.

„Eine neuzeitliche Suche nach Gold“ weiterlesen

Earth Girl. Die Prüfung

Earth Girl – Die Prüfung von Janet Edwards
Flexibler Einband, 448 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch Verlag, Erstausgabe 01.09.2012
ISBN 9783499259029
4 von 5 Sternen

Jarra gilt als behindert, weil sie zu der Minderheit gehört, die aufgrund eines genetischen Defektes die Portale zu anderen Welten zwar nutzen könnte… aber den Aufenthalt dort nur wenige Minuten überleben würde. Also ist sie zu einem Leben auf der Erde bestimmt, während alle anderen Menschen auf anderen Planeten studieren und leben können. Dieses Leben als Paria lässt die Wut in ihr immer stärker wachsen. Bis sie sich schließlich entschließt, ihr Ziel eines Studiums der Frühgeschichte an einer extraterrestren Universität zu absolvieren.
Und damit zu beweisen, dass die sogenannten ‚Affen‘ genauso gut sind wie die ‚Exos‘.

Mich hat diese Geschichte sofort in den Bann gezogen. Selten, dass ich ein Buch so schnell durchgelesen habe. Und auch eine sehr angenehme Abwechslung zu den ganzen Fantasyromanen mit den standardisierten Protagonisten, die gerade zur Zeit die Vampir- und Dämonenwelt bevölkern. Keine extraterrestren Feinde, die die Menschheit zum Verlassen ihrer Heimatwelt gezwungen haben, sondern eine ‚einfache‘ Entwicklung der Forschung. Und mit Jarra eine Erzählerin, die nicht nur ein ‚makelloses‘ Bild von sich liefert, sondern auch ihren Haß auf die ‚Normalen‘ zeigt und erst nach und nach erkennt, dass es sich dabei um genauso normale Menschen handelt wie sie und ihre Freunde.
Dazu kommt noch die spannende Geschichte um die archäologischen Forschungen, die das Studententeam betreibt und die Hintergründe um die anderen Teams und nicht zuletzt auch dem Militär.

Nur an zwei Punkten kam ich leicht in’s Stutzen und konnte die Handlung nicht völlig nachvollziehen. Was aber nur ein verschwindend geringes Manko ist und ich bin immer noch am Überlegen, ob dieser Roman nicht doch seine fünf Sterne verdient hat. Ich habe auch überlegt, ob ich näher auf diese beiden Punkte eingehen möchte und mich dann dagegen entschieden. Schlußendlich handelt es sich dabei um mein persönliches Empfinden und andere Leser werden dies möglicherweise völlig anders auffassen. Im Fazit ist es ein sehr gut geschriebenes Buch, bei dem die Heldin auch ihre Fehler hat und auch beim großen Showdown am Ende nicht das Gefühl aufkommt, dass sie alles allein bewältigt. Vieles vielleicht, aber eben nicht alles. 😉

Ränkespiele zwischen den Schatten

Der letzte SchattenschnitzerDer letzte Schattenschnitzer by Christian von Aster
My rating: 2 of 5 stars

Jonas Mandelbrodt’s Geschichte in der Welt der Schatten beginnt damit, dass er als Einziger und das bereits in der sprichwörtlichen Wiege erkennt, dass sein Schatten mehr ist als das bloße Abbild seiner durch Licht reflektierten Person. Sondern vielmehr ein Wesen, dass im Laufe der Äonen schon zu Füßen der gelehrtesten Köpfe der menschlichen Geschichte gesessen und mit ihnen gelernt hat.

Soweit der Beginn der Geschichte, in der gerade der für seine Umgebung unscheinbare Jonas durch die Unterweisung seines Schattens langsam zum letzten Schattenschnitzer wird und außerdem die Gesetz beider Welten komplett auf den Kopf stellt. Ein Schatten soll unauffällig im Hintergrund bleiben und das im Laufe eines Lebens erlangte Wissen in sich aufnehmen.

Genau dieses Wissen ist es dann auch, dass nur allzubald den Schattenrat und andere Jäger mit den unterschiedlichsten Absichten auf den Plan treten lässt. Und den Schatten eines Engels, der als letzter Kontakt zu Gott hatte und seinen Plan kennt.

Ein Ränkespiel jeden gegen jeden beginnt und kaum jemand – egal ob nun Schatten oder Mensch – ist wirklich das, was er zu sein vorgibt. Eine Hetzjagd quer durch Europa, die mich am Ende leider mit deutlicher Verwirrung zurücklässt. Ich weiß nicht, wie ich es in Worte fassen soll. Aber eine so spannende Grundidee für eine Geschichte, die mehr als nur ‚gut‘ hätte sein können… Wenn…

Und genau daran bleibe ich immer stocken. Wenn.

Wenn die Geschichte liebevoller und nicht so abgehackt erzählt worden wäre.

Wenn am Ende nicht das unbestimmte Gefühl zurückbleiben würde, dass etwas fehlt. Etwas, worauf ich nicht genau den Daumen legen könnte. Man muss das Buch wohl gelesen haben, um die richtigen Worte dafür zu finden. Es ist eine spannende Idee und mit Bestimmtheit hätte sich eine wundervolle Geschichte daraus weben lassen. Leider nur habe ich oft das Gefühl, von einem Abschnitt zum nächsten gehetzt zu werden und kein Gefühl für die Personen aufbauen zu können. Und bleibe am Ende mit einem Gefühl der Leere zurück.

Diese Worte befriedigen nicht – aber so ging es mir auch mit der Geschichte. Ich vermisse das Leben darin.

64 Felder als Kriegsschauplatz

Der Turm der KönigeDer Turm der Könige by Nerea Riesco
My rating: 3 of 5 stars

Ein Erdbeben in Sevilla führt in den Beginn dieser Erzählung und zu Julia, der Witwe des Druckermeisters de Haro. Eine für das Sevilla um das Jahr 1748 sehr eigenwillige Frau, die sich auch mit Unterstützung ihrer schwarzen Dienerin Mama Lulita daran macht, die Druckerei eigenhändig weiter zu leiten anstatt entsprechend der damaligen stillschweigenden Sitten den Druckermeister zu heiraten und ihm das Geschäft zu überlassen. Stattdessen heiratet sie im Laufe der Zeit den als Piraten verschrieenen Leon de Montenegro und bekommt dann auch einen Sohn – Abel.

Nach einigen Wirren nimmt nun die eigentliche Geschichte ihren Anfang in der Zeit der Kreuzzüge 500 Jahre zuvor. Die Christen erobern die Stadt von den Muslimen und schließen einen Pakt um die Zukunft der Giralda – das Minarett der Hauptmoschee von Sevilla: Welcher der Herrscher als erster drei Schachpartien gewinnt, soll über das Schicksal der Giralda bestimmen.
Entweder soll es niedergerissen werden nach dem Willen der Moslems oder wegen seiner Schönheit weiterbestehen nach dem Wunsch der Christen.

Durch die Wirren der Zeit ziehen sich die Kämpfe auf dem Brett der Könige über die Jahrhunderte hin und im Laufe dieser Zeit gehen auch die Aufzeichnungen der Vereinbarungen zu den Schachspielen verloren – zusammen mit den verbürgten Siegen der jeweiligen Herrschern.

Hier kommt dann die Familie de Montenegro in’s Spiel. Die über die alten Vereinbarung, der jeweils beste Spieler soll den Kampf bestreiten, in diesem seit Generationen bestehenden Wettstreit verpflichtet ist. Wenn es denn gelingt, die Spielregeln und den Nachweis wieder zu finden, wieviele Siege bereits gewonnen wurden. Und vom wem.

Eine reizvolle Idee für eine Suche, die sich über drei Generationen der Familie hinzieht.

Leider kommt zu häufig das Gefühl auf, dass sich alles nur um das Schachspiel und die damit verbundene Wette dreht. Andere bedeutende Geschehnisse – wie ein mehrfacher Mord – wecken oft den Eindruck, nur nebenher erwähnt zu werden und samt der dabei aufkommenden Fragen unbeachtet liegengelassen zu werden. Auch werden die Beteiligten, die nicht direkt mit der Suche betraut sind, oft zu Nebenfiguren degradiert, deren Leben und Handlungsgründe mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Damit will ich nicht sagen, dass keine Motive erkennbar sind. Aber viel bleibt eben doch ohne Feuer nur angedeutet und muss selber mit dem Gefühl einer Unsicherheit zusammengereimt werden. Eine größere Detailliebe für die Familie, die Angestellten der Druckerei und auch die Gegenspieler an dieser Stelle hätte der sonst sehr aufmerksam erzählten Geschichte eine tiefergehende Lebendigkeit verliehen.

Fazit:
Ich bin lange zwischen zwei und drei Sternen am Wechseln gewesen. Zu guter Letzt habe ich mich für drei Sterne entschieden. Weil es der Autorin sehr gut gelungen ist, mit einigen überraschenden Eröffnungen am Ende ihrer Geschichte die ganzen offenen Fragen zu beantworten und eine völlige unerwartete Lösung dafür zeigt. Wenn man so will, ein sehr geschickter Schachzug von ihr 😉


Apropos Schachzug: Kenntnisse in dem Spiel der Könige sind beim Lesen sehr von Vorteil. Oder ein gutes Schachbuch in Reichweite, um die Bedeutung der einzeln gezeigten Partien bei Interesse nachsehen zu können.

Mythen, die die Welt retten?

Der Ruf des weißen RabenDer Ruf des weißen Raben by Sanna Seven Deers
My rating: 3 of 5 stars

Beginn der Geschehnisse ist ein Ruf der Ältesten von Chad Blue Knife’s Stamm zur einer besonderen Zeremonie, um sich die Hilfe der Geistwesen zu erbitten. Immer mehr Kinder verschwinden spurlos. Und das natürliche Gleichgewicht ist gestört. Grund genug, eine alte und nach Glauben der Natives machtvolle Zeremonie durchzuführen.

Nicht aus Zufall stolpert dann auch Myra Morgenstern (Nomen est Omen) in genau jene Zeremonie und wird unwissentlich von den Geistwesen ausgewählt, um bei der Suche nach den Kindern quasi ihr ‚ausführendes Organ‘ zu sein. Danach hat sie mehrere Visionen und beginnt mit Unterstützung von Chad und nicht zuletzt auch eben jener Ahngeister die Suche, die ihren Geist auch in die Vergangenheit und in die Zukunft führt. Und damit zu Runa und einem mächtigen Talisman und auch zu ihrem eigenen älteren Ich. Und zu dem Gegenspieler Morris, der ebenfalls dem Talisman und der Legende des Lachens der Kinder hinterherjagt. Und im wörtlichen Sinne vor nichts zurückschreckt, um Myra und Chad aufzuhalten.

Wenn man sich als Leser nicht schon ausführlicher mit den Mythen der Natives beschäftigt hat, kann vieles in dieser Erzählung sehr schwer nachvollziehbar sein. Eine Vorkenntnis in der Mythologie und den Legenden erleichtert auf jeden Fall die Erlebbarkeit der Geschichte. Oder die Bereitschaft, sich auf möglicherweise fremdartige Glaubensbilder einzulassen.

Dass die Autorin hier ihr erstes Buch veröffentlicht und die Sprache nicht so ausgefeilt ist wie bei erfahreneren Schriftstellern, tut der Erzählung für mein Dafürhalten keinen Abbruch. Die verschiedenen Personen sind ausführlich und auch mit ihren verschiedenen Schwächen einfühlsam gestaltet. Auch wenn man beim Lesen kaum Zweifel über den Ausgang der Jagd nach dem Talisman hat, ist der Weg dahin spannend beschrieben und auch die Erzählungen über Myra’s Reisen in die Vergangenheit und den Lebensweg von Runa machen den ‚Ruf des weißen Raben‘ zu einer Geschichte, die spannend zu lesen ist.

Nur die Hintergründe von Morris‘ Auftraggeber hinterlassen bei mir den Eindruck, nicht nachvollziehbar zu sein. Eine Firma, die in der Zukunft das Wissen erlangt, andere Menschen zu übernehmen wirft beinahe zwangsläufig die Frage auf, wie sie zu diesem Wissen gelangt ist und auch mehr über die Beweggründe ihres Handelns. Hier hätte mehr Ausführlichkeit dem Roman sicher noch eine zusätzliche Würze verliehen.

Im Fazit ein Buch für angenehme Lesestunden.